Westerlinde



Westerlinde – eine neue Kirche aus Reparationszahlungen
Westerlinde ist in vieler Hinsicht ein bemerkenswerter Ort. Mit seinen rund 280 Einwohnern und 173 wahlberechtigten Kirchengemeindegliedern machte er erst kürzlich mit einer erstaunlich hohen Wahlbeteiligung (93,06 %) bei den Kirchenvorstandswahlen Schlagzeilen. Rund dreißig Angehörige der Gemeinde wohnen jedoch gar nicht in Westerlinde, sondern im Hannoverschen Luttrum. Ihren Wechsel in die Gemeinde Westerlinde lag ein Streit aus dem Jahr 1992 um die Installation eines Baselitz-Bildes in der Luttrumer Annenkirche zugrunde. Die Menschen blieben und die Luttrumerin Rosemarie Schritte ist seit über 20 Jahren Kirchenvorsteherin im Pfarrverband, heute herrscht aber auch ein guter Kontakt zu der zu Holle gehörenden Gemeinde und dem dortigen Pfarrer, erzählt Pastor Matthias Bischoff.
Westerlinde, der kleinste Pfarrsitz der Landeskirche, war schon immer Pfarrsitz, obwohl es gegenüber Osterlinde, das kirchlich zu Westerlinde gehört, der kleinere Ort ist. Dafür gibt es einen geschichtlichen Grund: Westerlinde war sozusagen Bollwerk, weil der letzte Ort des Braunschweiger Landes an der Grenze zum Hildesheimischen. Ein Pfarrer lässt sich in Westerlinde seit 1542, also der ersten evangelischen Zeit des Herzogtums nachweisen.
In den Jahren 1874 bis 1876 konnte sich der kleine Ort einen Kirchenneubau leisten – möglich machten dies Reparationszahlungen aus dem Deutsch-Französischen Krieg von 1871. Der im Stile der Zeit an die Gotik angelehnte einschiffige Bau überrascht heute innen durch lichte lindgrüne Helligkeit. Bei der Renovierung in den 90er Jahren entfernte man den dunklen Holzaltar und die Kanzel. Damals wurde auch die kostbare zweimanualige Engelhardt-Orgel mit 15 Registern für 135000 D-Mark überholt.
Die Kanzel fand nach ihrer Aufarbeitung durch einen Westerlinder Landwirt wieder ihren Platz in der Kirche, allerdings ohne ihren Sockel, so dass der Pastor heute auf Augenhöhe mit der Gemeinde predigt. Auch ein alter hölzerner Taufstock aus der Vorgängerkirche hat hier wieder Einzug gehalten, wie uns der Kirchvorsteher und Ortsheimatpfleger Frank Ahrens erzählt.
Heute beschäftigen die Gemeinde andere Baustellen, wie zum Beispiel der in neuem Putz erstrahlende Kirchturm und die Sorge um die Glocken, deren Steuerung komplett ausgewechselt werden muss. Der Anteil an den Kosten, den die Gemeinde selbst tragen muss ist sehr hoch.
Gottesdienst findet in Westerlinde vierzehntägig statt. Besondere Gottesdienste, wie der an der Forsthütte im Westerlinder Wald am Pfingstmontag, sind Pfarrverbandsveranstaltungen. Ein Shuttle-Bus sorgt hier dafür, dass jeder die Möglichkeit hat, teilzunehmen.
Susanne Diestelmann